Joker – der etwas andere Comicfilm

Von Anfang an war klar, dass Todd Phillip Joker anders werden würde als eine handelsübliche Comicverfilmung. Allein die Verpflichtung des Charakterdarstellers Joaquin Phoenix machte deutlich, dass man erzählerisch Neues wagen wollte. So kam es dann auch. Joker wurde in den Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig eingeladen, begeisterte Kritiker und Publikum gleichermaßen und erhielt dann auch noch den Goldenen Löwen als bester Film. Vor allem Letzteres gilt als Sensation. Nie zuvor war eine Comicverfilmung mit dem Hauptpreis eines wichtigen Filmfestivals ausgezeichnet worden. Danach war klar: Joker und erst recht der großartige Titeldarsteller Joaquin Phoenix gehören zu den Favoriten bei der nächsten Oscar-Verleihung.

Was macht Joker zu einem Ausnahmefilm?

Doch was macht Joker zu einer Ausnahmeerscheinung im Genre der Comicadaption? Das äußere Erscheinungsbild des Titelcharakters dürfte es nicht sein. Die zotteligen Haare, die weiße Gesichtsschminke und das mit einem Lippenstift modellierte Grinsen – all das findet sich bereits bei Heath Ledgers Interpretation des legendären DC-Comics-Schurken in Christopher Nolans The Dark Knight. Dieses äußere Bild gehört also zum Standard in der Darstellung Jokers und könnte sogar mühelos, etwa anlässlich einer Halloween-Party mit dem einen oder anderen Kleidungstück aus dem Kids brand store kombiniert werden. Das bahnbrechende an Joker ist also nicht sein Erscheinungsbild als vielmehr die Darstellung seines inneren Wesens.

Es beginnt schon mit der Verortung der Figur in der Unterhaltungsbranche. Phillips charakterisiert Joker als Menschen, der ursprünglich Clown werden wollte. Der Traum wird von mehreren Faktoren vereitelt: Arthur Fleck, so der bürgerliche Name Jokers, ist nicht sonderlich witzig. Seine Neurosen machen ihn vielmehr zu einer traurigen und bemitleidenswerten Gestalt. Diese Herangehensweise an die Figur mag in den Comicvorlagen ihre Tradition haben, auf der Leinwand war sie vor Joker indes nicht erprobt worden. Hier gingen Aussehen und Charakter des Schurken entweder aus einem folgenschweren Säure-Bad hervor, wie Tim Burton das in Batman dargestellt hat. Oder die Ursprünge des Batman-Gegners bleiben im Dunkeln. In David Ayers Suicide Squad ist Joker (dargestellt von Jared Leto) der pure Wahnsinn. Und auch Regisseur Christopher Nolan sowie Drehbuchautor Jonathan Nolan bleiben in The Dark Knight bei der Charakterzeichnung im Ungefähren. Der von Heath Ledger denkwürdig gespielte Joker ist als das ultimativ Böse das Resultat aller Verfehlungen der Menschheit.

Wie wird der Joker in anderen Filmen charakterisiert?

Im Vergleich zu The Dark Knight treten die Kausalzusammenhänge in Bezug auf die Charakterentwicklung des Schurken in Joker wesentlich deutlicher zutage. Bei Phillips ist das Böse eindeutig menschenverursacht. Der Joker ist böse, weil er getreten und beleidigt wird. Der Film ist im Gotham City der 1980er-Jahre angesiedelt. Die Stadt, die an das New York jener Zeit erinnert, ist im Begriff zu verfallen. Die Menschen sind unmoralisch, korrupt und gefühlskalt. In dieser Welt wird Arthur Fleck sozialisiert. Hier wird er psychisch krank. Doch statt Mitleid und Fürsorge stößt er auf Hass, Gewalt und Ausgrenzung. So wird er zu einem Wesen, das sich an der Gesellschaft für das ihm zugefügte Unrecht rächt. Auch dieser Aspekt hebt Phillips‘ Film von einer gewöhnlichen Comicadaption ab. Joker ist kein Actionfilm, sondern ein Sozialdrama. Auch dafür wurde er in Venedig ausgezeichnet.

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